Fehlgeburt selbstbestimmt erleben - vertrauen nach fehlgeburt

Fehlende Erklärungen und mangelnde Empathie

Eva – Fehlgeburt 2020

Ich habe in der 7. SSW, am 16.01.20 zum ersten Mal die Diagnose “Missed Abortion” von meiner Gynäkologin bekommen, als ich wegen leichtem Ausfluss einen Kontrolltermin hatte. Vier Tage vorher hatte ich eine Routineuntersuchung, bei der alles in Ordnung war. Meine Gynäkologin empfand die Entwicklung meiner Fruchthöhle nicht entsprechend der Schwangerschaftswoche und äußerte deshalb diesen Verdacht.
Es folgten das erste Mal HCG Kontrollen. Donnerstag die erste, Montags darauf die zweite. Mein HCG stieg nicht so, wie er gewöhnlich steigen sollte. Er stieg von 3100 auf 3800 und verdoppelte sich nicht alle zwei Tage, so wie er es eigentlich sollte. Meine Gynäkologin war nicht sehr optimistisch, mir wurde am Montag bereits eine Überweisung zur Ausschabung in die Hand gedrückt, dieses lehnte ich ab. Deshalb vereinbarten wir einen Termin für einen erneuten Ultraschall, um zu schauen ob sich etwas verändert. Sie schrieb mich arbeitsunfähig.
Mein Mann und ich wollten uns mit zwei Blutkontrollen nicht zufrieden geben, deshalb entschied ich mich, am Mittwoch erneut morgens zur Blutabnahme meiner Gynäkologin zu fahren. Dort machte die Ärztin dann spontan einen Ultraschall und sah ein Embryo, jedoch nur 2,3 mm groß. Hier war ich rechnerisch bereits in der 8. SSW. Meine Gynäkologin stellte fest, dass es sich sogar um einen Embryo und zwei Dottersäcke in der Fruchthöhle handelt, welches auf Zwillinge hindeutete. Da es eine Entwicklung gab, wollte sie erneut eine Woche abwarten. Wir nahmen wieder alle zwei Tage Blut ab. Der Wert stieg auf 4500, dann auf 5100.
Eine Woche später hatte ich einen erneuten Termin zum Ultraschall. Es gab keine große Veränderung, der Embryo war nicht genug gewachsen, 3mm war er nun groß. Meine Gynäkologin überwies mich an einen anderen Arzt für eine zweite Meinung. Ich war nun bereits in der 9. SSW und hatte zu keinem Zeitpunkt Blutungen. Lediglich ab und zu einen leichten braunen Ausfluss.
Zwei Tage später hatte ich bereits den Termin bei einem anderen Gynäkologen, der dann leider bestätigte, dass die Schwangerschaft nicht intakt ist, dies war am 31.01. Da wir bereits einige Wochen in der Schwebe hingen und der Arzt mir dazu riet, hatte ich am selben Tag noch eine Ausschabung im Krankenhaus, welche auch von dem feststelleden Arzt durchgeführt wurde. Insgesamt war ich bezüglich der SS und der Fehlgeburt fünf Wochen arbeitsunfähig.

Leider war die Reaktion meiner Ärztin eine absolute Katastrophe. Dies war meine erste Schwangerschaft, demnach hatte ich nicht viel Ahnung. Sie erklärte mir bereits bei meinem ersten und zweiten Termin nicht, wie der weitere Verlauf der Schwangerschaft sein sollte, verwechselte mich bereits im Vorfeld mit anderen Patienten. Die Diagnose “Missed Abortion” habe ich mit den Worten “Oh, das sieht nicht gut aus. Ich denke es ist ein Windei. Kein Embryo zu sehen. Aber seien sie nicht traurig, es ist ja nichts gewesen.”
Keine Erklärung zu einem Windei, von dem ich bis Dato noch nie gehört hatte und welches auch nicht zutraf. Bereits nach zwei Blutkontrollen hatte man unser Baby aufgegeben und man gab mir auf dem Flur, ohne Gespräch oder ähnliches einfach eine Überweisung zur Ausschabung, ohne weitere Untersuchungen. Ich bin mehr als enttäuscht und sauer über diese Behandlung. Das Vertrauen zu meiner Gynäkologin ist kaputt und ich werde meinen Arzt wechseln. Bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt wurde uns nur Angst gemacht und keine Hoffnung ausgesprochen. Wir haben wenig erklärt bekommen und mussten uns über Portale und das Internet Wissen aneignen. Ich hatte  zu dem Zeitpunkt keine Hebamme und somit keine andere Ansprechpartnerin als meine Ärztin.

Ich war sehr traurig, als ich von der Diagnose erfahren habe, habe viel geweint und mich gefragt, warum dies genau mir passiert, vor allem bei meiner ersten Schwangerschaft. Das wir die ersten Wochen ständig im ungewissen waren, war besonders schlimm. In einem Moment war ich traurig, im anderen Moment hatte ich doch noch Hoffnung, dass alles gut wird. Nach meiner Ausschabung war dies noch intensiver, denn da war es endgültig. Mir hat es geholfen, viel darüber zu sprechen. Mein Mann war in dieser Situation meine größte Stütze und hat mich immer begleitet und versucht mir andere Lasten abzunehmen.

Ich hätte mir mehr Aufklärung von meiner Gynäkologin gewünscht, aber auch mehr Unterstützung von meiner Krankenkasse. Dadurch, dass das Vertrauen in meine Gynäkologie bereits am Anfang durch Verwechslungen nicht mehr vorhanden war und ich auch ihre Diagnose nicht viel Glauben geschenkt habe, wollte ich eine zweite Meinung einholen. Leider kann man innerhalb seiner SS nur zum neuen Quartal einen neuen Gynäkologen aufsuchen, auch wenn man dringend eine Zweitmeinung braucht. Auch von der Kassenärztlichen Vereinigung habe ich keine Unterstützung bekommen, deshalb musste ich gezwungenermaßen bei meiner Gynäkologin bleiben. Dies empfinde ich als Zumutung und bin darüber immer noch sehr wütend.

Die Reaktion aus meinem Umfeld war gemischt. Ich gehe offen mit dem Thema um und erzähle dies, in Situationen, in denen ich gefragt werde.
Meine Familie und auch die meines Mannes hatte Verständnis und war ebenfalls betroffen über die Situation. Meine Mutter, meine Schwester und meine beste Freundin waren von Anfang an in die Situation eingeweiht und mir eine große Stütze. Manche Freunde und Bekannte reagierten mit Sätzen wie “Ihr seid ja noch jung”, “Man konnte ja noch keinen Herzschlag sehen” oder “Vielleicht ist es auch besser so”. Sätze die mir nicht unbedingt geholfen haben, sondern mir das Gefühl gegeben haben, dass die SS nicht wichtig war und wir kein Recht haben, zu trauern. Selbst schwangere Bekannte zeigten nicht allzu viel Mitgefühl, indem sie sich unsensibel mit der eigenen Schwangerschaft in den Vordergrund gestellt haben. Das Thema Fehlgeburt ist leider immer noch ein Tabuthema, über das nicht gerne gesprochen wird, egal ob man dies will oder nicht. Viele wissen nicht, wie sie mit dem Thema umgehen sollen.

Nach der Ausschabung habe ich mich intensiv mit allem beschäftigt, habe mich oft gefragt, woran es gelegen hat, ob wir etwas falsch gemacht haben. Ich habe dann gedacht, dass dies aus einem bestimmten Grund passieren muss und mein Körper dies rechtzeitig erkannt hat. Er hat gemerkt, dass etwas mit dem Baby nicht gestimmt hat und hat die Entwicklung gestoppt. Das hat mir mein Vertrauen stückweise zurückgebracht. Ganz zurück ist dieses Vertrauen aber noch nicht, ich denke dies braucht etwas mehr Zeit.